Fastensuppe
Was mir an unserer Gemeinde
von Anfang an besonders gefallen hat, ist die Leichtigkeit, mit der hier
scheinbare Gegensätze gleichsam in Harmonie miteinander existieren:
Wir sind eine junge Gemeinde, auch wenn wir unlängst unser fünfzigjähriges Bestehen gefeiert haben. Aber es gibt immer noch Gemeindemitglieder, die sich an diese Anfänge einer katholischen Kirche in Mellendorf kurz nach dem Krieg erinnern. Gleichzeitig bringen sehr viele junge Familien allsonntäglich ihre Kinder in die Kindergottesdienste. Unsere Gemeinde wurde von Zugewanderten und Flüchtlingen nach dem 2. Weltkrieg gegründet und lebt und wächst bis heute durch den Zuzug neuer, junger Familien aus ganz Deutschland.
Vielleicht ist es diesem Umstand zu verdanken, dass es hier beides gibt: Bereitschaft und Lust auf Neues bei gleichzeitiger Liebe zur Tradition. Ob der vielzitierte Satz, dass Tradition nicht das Halten der Glut, sondern die Weitergabe der Flamme sei, wirklich von Thomas Morus ist, will ich dahingestellt lassen. Gleichwohl trifft der Satz in unserer Gemeinde ins Schwarze: Wir haben unsere lieb gewordenen Traditionen und sind doch immer wieder bereit, daran zu arbeiten, dass sie erstens nicht erstarren und zweitens das Aufkommen neuer Ideen nicht blockieren.
Eine solcherart lieb gewordene Tradition ist unser alljährliches Fastensuppenessen. Mehr als 20 Jahre lang wurde es von Mechthild Müller ausgerichtet. Man konnte sich darauf verlassen, dass an einem Sonntag in der Fastenzeit zu Hause nicht gekocht werden musste, weil man sich nach der Messe im Gemeindehaus zum gemeinsamen Mittagessen traf. Und man konnte sicher sein, dass der Tisch gedeckt war und die leckere Suppe schon dampfte, wenn in der Kirche der Schlusssegen erteilt wurde. Und jeder durfte sich eingeladen fühlen, ob er nun auf der Anmeldeliste stand, die am Wochenende vorher auslag, oder nicht. Man wusste, es reicht für alle, und wer wollte, konnte noch etwas von der Suppe nach Hause mitnehmen.
Andernorts mag es so sein, dass solche Traditionen verschwinden, wenn derjenige, der sie ins Leben gerufen und aufrecht erhalten hat, sein Engagement beendet. Nicht so bei uns.
Als ich hörte, dass Mechtild Müller aufhört, wäre ich spontan gerne für sie eingesprungen. Aber ich traute es mir nicht zu, für so viele Menschen zu kochen, sodass es auch noch allen schmeckt. Doch es fanden sich binnen weniger Minuten zwei weitere Engagierte, die das Projekt Fastensuppenessen in die Hand nehmen wollten. Und so entstand das neue Team: Christiane Schwark, Susanne Kopp und Anne Heitschmidt.
Alle drei hatten wir keine nennenswerten Erfahrungen im Kochen von Suppen in diesen Dimensionen. Im Geiste sahen wir uns wohl schon nächtelang Kartoffeln schälen, zentnerweise. Oder Zwiebeln schneiden und Mettbällchen rollen bis zum Umfallen. Zum Glück gab Mechtild Müller uns alle Tipps, was wir einkaufen sollten, wie viel und vor allem wo.
So trafen wir uns am Freitag vor dem Fastensuppensonntag, zogen gemeinsam los und kauften ein: im Großhandel, da wo die Gastronomie einkauft. Hier bekamen wir auch die richtig großen Mengen Tiefkühlgemüse und schon geschälte Kartoffeln. Wir deponierten den Einkauf in unserer Gemeindeküche und verabredeten uns für Samstag zum gemeinsamen Kochen.
Nun war zwar eine Hürde geschafft. Aber die nächste, nicht minder große stand uns noch bevor: Würde das gut gehen, wenn wir drei Frauen zusammen kochen, Hausfrauen, Familienmütter, Berufstätige allesamt, jede gewohnt ihren Platz am heimischen Herd und im Berufsleben zu behaupten - und zu verteidigen?
Man glaubt es zwar, muss es aber trotzdem immer wieder sagen: Gottes Geist weht, wo er will. Er jedenfalls muss da gewesen sein an jenem Samstag, als wir drei in der Küche standen und keine allein das Kommando hatte, jede ihre Ideen einbringen konnte oder auch mal zurück steckte. Am Ende hatten wir fünfzig Liter Suppe, auf die wir stolz waren. Und wir fanden, dass Kochen richtig Spaß machen kann.
Am Sonntag hieß es dann nur noch: Suppe wieder aufwärmen, Tische decken, alles schön machen für die Gäste. Wir fühlten uns wie Gastgeber und waren ein bisschen aufgeregt. Beim Herrichten des Gemeindesaals halfen uns Wolfgang Korbmacher und Pascal Heitschmidt, sodass wir drei uns der Suppe widmen konnten. Zum Schluss kamen mir Zweifel, ob alles gelingen würde, ob es allen schmecken würde, ob es genug wäre für alle. Torschlusspanik! Kurz vor zwölf Uhr war alles fertig. Es fehlten nur noch die Gäste. Es war wie zu Hause am Geburtstag. Gefühlsmäßig gemischt.
Und dann kamen sie. Alle auf einmal. Und brachten den Segen aus der Kirche mit, die gute Laune und die Fröhlichkeit und steckten uns an. Mit einem Schlag war alles einfach. Es ging einfach wie am Schnürchen. Es müssen zwischen fünfundsechzig und siebzig Menschen gewesen sein, die da satt geworden sind, und am Ende hatten wir einen Betrag in Höhe von rund 300 EUR für Misereor zusammen, den die fröhlichen Esser gespendet hatten.
Als mich jemand fragte, was alles drin sei in der Suppe, wollte es mir gar nicht mehr einfallen. Da sagte ich: Nun, es sind 10 Prozent Arbeit und hundert Prozent Glaube, Hoffnung, Liebe. Aber das sind ja 110 Prozent, war natürlich die Antwort. Mag sein, dann war die Arbeit eben weniger. Hab ich vergessen.
Anne Heitschmidt
Bild: www.blastyak.net
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